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Thema: Leipzig: Kernkraftwerk Süd

  1. #51
    Zitat Zitat von martin2 Beitrag anzeigen

    BTW: Somit würde der Standort bei Dahlen mit eigentlich fehlender Kühlung erst Sinn ergeben.
    Der in der Dübener Heide tatsächlicherweie auch. Klingt sehr spannend!!
    Die Mulde ist ja eher ein Rinnsal.

  2. #52
    Neuer Benutzer Avatar von badminator
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    Hallo zusammen,
    ich habe mal in alten Unterlagen gestöbert und mich nochmal kundig gemacht.
    Wohlgemerkt-meine Erkenntnisse beziehen sich nur auf Kern-HEIZwerke, nicht auf konventionelle KKW.

    Aufgrund von einer weiter bestehenden Energiekrise und durch die starke Verschmutzung durch die Braunkohlekraftwerke im Süden (Thürigen, Sachsen und Sachsen-Anhalt), wollte man mehr auf die Kernenergie setzen. Man hatte vor, von Kohle auf Uran umzusteigen. Ein Bericht des Institut für Energetik in Leipzig aus dem Jahr 1984 sah vor, dass bis zum Jahr 2000 die Kohlekraftwerke im Ballungsraum Halle und Leipzig schrittweise durch Kernheizwerke (KHW) ersetzt werden sollten. Unter anderem ab 1995 durch das Kernheizwerk Leuna, Buna, Lippendorf und nach 2000 durch das KKW(!) Delitzsch.
    Forschungen daazu erfolgten an der TU Dresden sowie an der IHS Zittau. Als Vorlage diente der sowjetische Kernheizreaktor AST 500, ein Siedewasserreaktor. Alledings war der Typ erstens zu groß für die Zwecke in der DDR und zweitens entsprach die Sicherheit nicht den Ansprüchen der dichtbesiedelten Gebiete.
    Die Heizwerke sollten wegen des erforderlichen Fernwärmenetzes in ca. 10 km von besiedelten Gebieten gebaut werden.

    Zur Gewährleistung eines hohen Sicherheitsniveaus wurden bei diesen Anlagen neuartige Leichtwasser-Reaktoren eingesetzt, bei denen der Primärkerislauf integral im Reaktorbehälter angeordnet ist und der Wärmeträger im Naturumlauf zirkuliert. Bisher wurden bei Kernreaktoren die Intergralbauweise und der Naturumlauf immer getrennt angewendet.
    Der Anreicherungsgrad des Urans hätte lediglich etwa 3 bis 4 % betragen; mit Natururan (0,7 % Uran-235 und 99,3 % Uran-238) wird ein Leichtwasserreaktor auch nicht kritisch.
    Im Reaktor selbst waren also Core (Brennelemente) , Druckkammer und Wärmetauscher vereinigt. Keinerlei radioaktives Wasser mußte das Reaktorgehäuse verlassen . Von der UK Atomic Energy Authority wurde das System als "Safe Integral Reactor" bezeichnet. Auf Grund der wesentlich geringeren Leistungsdichte, des geringen Drucks und Temperaturen gegenüber Reaktoren zur Stromerzeugung sollte der Typ besonders sicher sein. Das im Verhältnis zum Core sehr große Wasservolumen hätte ein Melt-down mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert.
    Erzeugt werden sollte Heizwasser mit 180-200°C. (kein Dampf, daher auch keine Kühlung durch Fluß- oder Seewasser erforderlich)
    Leistungsgröße zwischen 100 - 150 MW

    Eigentlich immer noch eine saubere Sache. Zumal nach dem Kohleausstieg die Frage der Heizwärmeversorgung großer Städte nicht mal angedacht ist. (Leipzig ca. 40% Fernwärme-derzeit aus der Abdampfwärme des Kraftwerks Lippendorf versorgt)

    verwendete Quellen:
    Michael Hänel, “Das Ende vor dem Ende“. Zur Rolle der DDR-Energiewirtschaft beim Systemwechsel 1980-1990
    Adam, Ernst, Prof. Dr. rer. nat.; Gläser, Günter, Dr.-Ing.; Großmann, Jochen, Dr.-Ing., DD Technische Universität Dresden, 8027 Dresden, Mommsenstraße 13, DD
    "PATENTSCHRIFT 244 385 A - Verfahren zur Steuerung einer Kernheizanlage - 01.04.87 "
    "Was man weiß, kann man korrigieren. Was verborgen bleibt, ist eine glimmende Zeitbombe" Carl Friedrich v. Weizsäcker

  3. #53
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    Zitat Zitat von badminator Beitrag anzeigen
    Eigentlich immer noch eine saubere Sache. Zumal nach dem Kohleausstieg die Frage der Heizwärmeversorgung großer Städte nicht mal angedacht ist. (Leipzig ca. 40% Fernwärme-derzeit aus der Abdampfwärme des Kraftwerks Lippendorf versorgt)
    Heute nimmt man wohl gerne Gasturbinen.
    https://corporate.vattenfall.de/uber...twerk-marzahn/
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Heiz...rk_Klingenberg
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gastur...rk_Ahrensfelde

  4. #54
    Erfahrener Benutzer Avatar von martin2
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    Zitat Zitat von badminator Beitrag anzeigen
    Wohlgemerkt-meine Erkenntnisse beziehen sich nur auf Kern-HEIZwerke, nicht auf konventionelle KKW.
    Das wundert mich etwas. Den höchsten Wirkungsgrad erhält man, wenn man den Heißdampf (ich meine nicht den Primärkreislauf) zunächst in eine Dampfturbine zwecks Stromerzeugung schickt und danach noch die Wärme weitestmöglich ausnutzt. Hier klingt das jetzt so, als ob gar keine Stromversorgung vorgesehen war - oder habe ich das falsch verstanden?

    Danke übrigens für Deinen interessanten Beitrag.
    Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Jean-Paul Sartre

  5. #55
    Erfahrener Benutzer Avatar von Klondike
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    Es wurde wohl auf die "primär/erste" Stufe Stromerzeugung verzichtet um nicht so "heiß" zu laufen, also das Risiko sinkt mit sinkendem Wirkungsgrad.

    etwas OT: Gab es wirklich durch Umweltschutz begründete Überlegungen auf KKW-Technik zu wechseln? Ich bin erstaunt und begeistert, wird doch oft so getan (DDR-Reportagen) als wenn zu dieser Zeit keinerlei Rücksicht auf die Umwelt genommen wurde....(Langzeitschäden durch Atommüll mal ausgeklammert)

    Grüße

  6. #56
    Erfahrener Benutzer Avatar von martin2
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    Zitat Zitat von Klondike Beitrag anzeigen
    etwas OT: Gab es wirklich durch Umweltschutz begründete Überlegungen auf KKW-Technik zu wechseln? Ich bin erstaunt und begeistert, wird doch oft so getan (DDR-Reportagen) als wenn zu dieser Zeit keinerlei Rücksicht auf die Umwelt genommen wurde....(Langzeitschäden durch Atommüll mal ausgeklammert)
    Mal ganz allgemein: Wir reden hier über Planungen. Man kann ja alles Mögliche und Unmögliche planen. Die andere Sache ist die - was wird umgesetzt? Will sagen: Von Planungen kann man im Grunde nicht auf politische Absichten schließen. Erst wenn etwas umgesetzt wurde, kann man sagen "ahh, das wollten die also".

    Beispiel, wieder genau der gleiche geografische Raum Leipzig und Chemiedreieck:
    Da werden gleichzeitig ein Kernkraftwerk, ein Kernheizwerk und ein riesiger Tagebau nördlich der heutigen A14 bis Bad Düben geplant. Das passt überhaupt nicht zusammen.

    Auch Umweltschutz war in der DDR Planthema. Während meines Studiums durfte ich mich damit näher befassen, für Immisionsschutz war eigentlich alles da, was heute so state of the art ist: Feinstaubfilter, E-Filter, Bio-Filter. Also man hätte das gekonnt, es wurde mit Sicherheit auch geplant. Aber dabei blieb es halt - die DDR war über ihren ökonomischen Möglichkeiten. Und so blies allein die Karbidfabrik von Buna stündlich (!) vier Tonnen (!) Kalkstaub durch den Schornstein in die Luft - geheim allerdings. Wir wurden darüber belehrt, dass das wegen des Klassenfeinds, der das missbraucht, geheim sei. Und das das im Grunde gut sei, weil das das von Leuna in die Welt gesaute Schwefeldioxid neutralisieren würde ...
    Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Jean-Paul Sartre

  7. #57
    Neuer Benutzer Avatar von badminator
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    Hier klingt das jetzt so, als ob gar keine Stromversorgung vorgesehen war - oder habe ich das falsch verstanden?
    Ja genau, auf Stromerzeugung wurde komplett verzichtet. Sozusagen ein kleiner Heizkessel mit einem sehr abgespeckten Atomfeuerchen

    Heute nimmt man wohl gerne Gasturbinen.
    Gasturbinen dienen der Stromerzeugung. Eventuell wird die Abwärme zu Heizzwecken genutzt. Da verteuerbare Energien Einspeisevorrang haben, gehen GTD nur noch selten in Spitzenzeiten ans Netz. Leider. Drei Betreiber im Norddeutschen haben ihre Anlagen inzwischen stillgelegt, da kein wirtschaftlicher Betrieb mehr möglich ist (z.B.Verschleiß beim Ab- u. Abfahren).

    Da werden gleichzeitig ein Kernkraftwerk, ein Kernheizwerk und ein riesiger Tagebau nördlich der heutigen A14 bis Bad Düben geplant. Das passt überhaupt nicht zusammen.
    doch, das paßt haargenau. Das KKW sollte der Ersatz für die bis dahin totgelaufenen Kohlekraftwerke Lippendorf, Vetschau, Thierbach, Schkopau und weitere sein und Halle/Leipzig/Chemieregion mit Strom versorgen. Das KKW wäre möglichst weit weg von bewohneten Gebieten gebaut worden.
    Die Kernheizwerke waren als Ersatz für die ausgefallene Fernwärme der Städte Halle/Leipzig/Merseburg gedacht und nahe der Städte disloziert (Stichwort begrenzte Länge eines verlustoptimierten Fernwärmenetzes)
    Kohle wurde immer noch gebraucht. Es wären immer noch BKW am Netz gewesen, Kohle war der wichtigste Rohstoff in der chem. Industrie (Synthesegaserzeugung, Prozeßwärme etc.) Auf das Öl von Kolja konnte man sich auch nicht mehr verlassen.

    Wer mehr Interesse an dieser Technik hat und über den beengter deutschen Atomhorizont hinausblicken mag, der such im Netz mal "Kleinreaktoren" - und wird erstaunt sein. Die damals erlangten Erkenntnisse wurden nach dem Ende der DDR mit Interesse von westlichen Ländern genutzt und in die Praxis umgesetzt. Heute sind Heizreaktoren bereis in Betrieb (Betriebsdauer 25-30 Jahre bis zum Brennelementewechsel)

    Kleiner Gag am Rande: Mein Vater fand Mitte der 90er seine Patentzeichnungen (nicht mal grafisch verändert) in fern-öst-asiatischen Konstruktionsvorschriften für Kraftwerksanlagen wieder. Die Asiaten haben auf Vaterns Beschwerde hin ein erkleckliches Sümmchen angeboten, verbunden mit einer zu unterschreibenden Schweigeverplichtung. Natürlich gern genommen...
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  8. #58
    Erfahrener Benutzer Avatar von martin2
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    Danke für Deinen wirklich interessanten Beitrag.

    Weißt Du, wie weit die Standortfindung für das in Rede stehende Atomheizwerk war?
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  9. #59
    Erfahrener Benutzer Avatar von Klondike
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    ja wirklich alles sehr interessant, vielen Dank! (dir auch Martin für #56)

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