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Thema: Ludwigsfelde / Genshagen: Flugzeugmotorenwerk

  1. #1
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    Ludwigsfelde / Genshagen: Flugzeugmotorenwerk

    Oft vernachlässigt man die geschichtl. Hinterlassenschaften in heimischer Umgebung zu Gunsten der Fernerkundung und ahnt oft gar nicht welch interessante Spuren der Vergangenheit sich quasi um die Ecke befinden. So auch in der Automobilstadt Ludwigsfelde, deren rasante Entwicklung sich anfangs mit dem Bau des größten Rüstungsstandorts von Daimler-Benz zu jener Zeit vollzog. Was liegt also näher, als sich auf dessen Spuren zu begeben.

    Vor weg aber erstmal ein kl. Rückblick zur Geschichte des Werks, seiner Werkssiedlung und Arbeitslager:

    Nach Übereinkunft zw. Daimler-Benz und dem RLM (Reichsluftfahrtministerium) wurde im Januar 1936 der Grundstein für das zu errichtende Großwerk zur Serienproduktion von Flugmotoren gelegt.
    Nicht zuletzt wegen der strategischen Lage und verkehrsgünstigen Anbindung wählte man sich das Waldstück südl. der Rieselfelder im Damsdorfer Forst aus.
    Der sich fast zeitgleich vollziehende Autobahnbau am Teilabschnitt des südl. Berliner Rings forderte ebenso wie die Werkserrichtung ein erheblichen Bedarf an Arbeitskräften und Unterkünfte.

    In diesem Zusammenhang entstanden bereits ab 1934 die ersten Unterkünfte und Baulager der Organisation Todt für den Autobahnbau. Mit dem Baubeginn der Flugmotorenwerke entwickelte sich ab Mitte 1936 eine recht umfangreiche Werkssiedlung im Bereich der heutigen Ernst-Thählmann-Str., errichtet von der Kurmärkischen Kleinsiedlungs Gmbh. Ab Sept. 1937 folgten die Werkswohnungen nahe der Südwache, zw. Autobahn und Str. der Jugend, bewohnt hauptsächlich vom Führungspersonal. Weitere Siedlungen entstanden südl. der Autobahn, darunter noch das 1944 errichtete Holzhausviertel.

    Bereits Anfang 1937 laufen die ersten Motoren von Band.
    1938/39 würd die Fliegertechn.Vorschule in Birkengrund Süd errichtet.
    1938 bezifferte sich die Zahl der Beschäftigten im Werk bereits auf ca.7000. In diesem Jahr werden fast 1500 Motoren ausgeliefert.
    Im Jahre 1942 hatte sich die Zahl der Werksbelegschaft mehr als verdoppelt auf 15600 Personen, wo von mehr als die Hälfte Kriegsgefangene, Ostarbeiter und andere Zwangsarbeiter waren, die ab 1940 zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Die Jahresproduktion steigerte sich nun auf knapp 5000 Motoren/Jahr.
    Im Frühjahr 1944 wurde unter widrigsten Bedingungen und Ausbeutung an Arbeitskräften der bisherige Produktionshöhepunkt von 1000 Motoren/Monat erreicht. Allein diese Zahl verdeutlicht bereits, welche Bedeutung das Werk für die dt. Luftwaffe hatte.

    Montiert wurde anfangs der DB 600, gefolgt von DB 601, seit 1941 der DB 603 und DB 605 in gr. Stückzahl (ein DB 605 A ist im Stadtmuseum aufgestellt), DB 606 und zuletzt der Doppelmotor DB 610 mit 2950 PS. Stückzahlmäßig wurden von den Motorserien die meisten in den Maschienen von Messerschmitt, Heinkel und Dornier verbaut.

    Mit Kriegsbeginn wurde das Rüstungswerk vergrößert und gleichzeitig entstanden zwei größere Barackenlager.
    Das Zwangsarbeitslager.(Umgebung am Rathausplatz, Dichterviertel) nutze ua. die bereits seit 1934 vorhandenen Unterkünfte und Baulager der Organisation Todt.
    Zwei Wachbaracken des Zwangsarbeitslager überdauerten die Zeit noch bis 1993, wo von in einem der Baracken noch bis zum selben Zeitpunkt makaberer Weise das "Rathaus" der Stadt Ludwigsfelde residierte. Dieser Umstand entwickelte sich zu einer schier unendlichen Geschichte der Rathausbaracke, die sich auch in diversen Zeitungsartikeln jener Zeit wieder finden ließ. Das aber nur am Rande erwähnt.
    Die Unterkunftsbaracken sollen nach ihrem Abbau in der Nachkriegszeit zum größten Teil für neue Zweckbauten und Notunterkünfte verwendet worden sein. Wann ganau das Lagergelände der Ostarbeiter ( Umgebung am Hochhaus) verschwand ist mir zur Zeit nicht genau bekannt. In diesem Lagerbereich sollen kurzzeitig aufzustellende und auszubildende Einheiten der kasanierten VP untergebracht gewesen sein. Auf dem betreffenden Areal begann Im Jahre 1959 die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft "Solidarität" mit dem Bau der ersten Wohnblöcke, spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften noch ggf. vorhandenen Baracken abgetragen worden sein. Für weitere zusätzliche Arbeitskräfte ist auch ein größeres Unterkunftslager in Trebbin bekannt.
    Trotz des Baus von Werkssiedlung und Lagern herschte, angesichts des enormen Bedarf an Arbeitskräften, zu jeder Zeit des Bestehens der Werks, akuter Unterkunftsmangel.

    Die im Werk eingesetzten Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich aus den Luckenwalder Stalag III B,
    so wie dem Oflag III A über stellt.
    Außerdem wurden noch ab Sept.1944 zirka 1100 Frauen aus dem KZ Ravensbrück (darunter die meiste Überlebenden des Warschauer Aufstandes) ins Werk verlegt (Unterstellt dem KZ Sachsenhausen) und in den Luftschutz-und Kellerräumen unter der großen Montagehalle (Deutschlandhalle) untergebracht.

    Bei einem der letzten alliierten Luftangriffe wurde das Werk am 6. August 1944 schwer beschädigt und die Produktion sank in Folge dessen erheblich. Die bereits begonnene Auslagerung von Werksteilen in den Südwesten Deutschlands (U-Verlagerung "Goldfisch" in der Gipsgrube "Friede") wird fortgesetzt. In diesem Zusammenhang wird auch zu der U-Verlagerung "Schachtelhalm I + II" im nördl. Zentralabschnitt des OWB erwähnt.
    Nach Kriegsende begann die Demontage und Sprengung der noch erhalten gebliebenen Anlagenteile.
    Ein Teil der ins badische Neckarelz verbrachten Anlagen sollen im Sept.´45 ihren Weg in Richtung Sowjetunion angetreten haben.
    hardihase

  2. #2
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Viel ist zwar von den gesprengten Hallen nicht mehr übrig geblieben, da die Trümmerlandschaft ja bekanntlich durch die dann folgende Industriegeschichte größten teils verschwand. Jedoch werden dem aufmerksamen Betrachter, auch heute noch, die wenigen Überbleibsel nicht entgehen.

    Dazu zählen vor allem die Trümmer des Prüfstand 08. Sie stellen heute die markanteste Überbleibsel jener Zeit dar. Die letzten beiden Fotos zeigen Trümmerreste wahrscheinlich von Prüfstand 16.
    hardihase

  3. #3
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Pic 1-5 Umfeld der gr. Montagehalle (KZ Außenlager),
    Pic 6 Reste von Halle 13,
    Pic 7 Anbau Halle 13, heute ua.Sporthalle für Radball,
    Pic 8 Bei Halle 11,
    Pic 9 Einmannbunker am Standort der Versandhalle,
    Pic 10 Werksstraße zw. Halle 13 und Versandhalle,
    Pic 11-15 Am ehem. Kesselhaus
    hardihase

  4. #4
    Erfahrener Benutzer Avatar von Puma
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Sehr schöner Beitrag ,danke für deine Mühe

    Auf Bild 9 im 2. Post ,hast dir das mal genauer angeschaut ?

    Sieht auf den ersten Blick aus wie eine Spannplatte ,zum befestigen eines

    Motors/Triebwerkes (?) während des Testlaufes

    Gruss Puma

  5. #5
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Hallo Puma,
    gerade bei diesem Standort, bin ich mir nicht sicher, ob das dort zu sehende auch tatsächlich dem Prüfstand zuzuordnen ist. Auf dem unmittelbar angrenzenden Garagengelände standen damals noch die Bauten einer Tankanlage und Propangasspeicher. Ich arbeite mich aber zum Gesamtthema noch weiter vor.

    Hinweis:
    die Hauptquellen zum Themenbeitrag beziehen sich auf verschiedene Publikationen unter Federführung des damaligen Ortschronisten und Historiker Gerhard Birk ( ua. die Schriftreihe: Ludwigsfelder Geschichte und Geschichten, 8 Teile,)
    Auch im Stadtmuseum lassen sich Hinweise finden, zB.an Hand von Luftbildaufnahmen der Alliierten.
    Die genannte Heftreihe ist dort auch erhältlich, der Teil 5 ist zu empfehlen.
    hardihase

  6. #6
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Da es nun nahe liegend war, wo ein Werk dieser Kategorie stand, müßte es ja auch Luftschutzeinrichtungen gegeben haben, sollte sich die nächste Erkundung auch vorrangig dessen evt. noch vorhandenen Spuren widmen.
    Heraus zulesen ist dazu in der im vorgehenden Beitrag genannten Qelle folgendes:

    Werksluftschutzeinrichtungen gab es lediglich für dem Daimler-Benz-Direktor an dessen Wohnhaus (wurde 1989 abgetragen) und eine größere nicht fertig gestellte Anlage zentral auf dem ehem. Werksgelände gelegen. In der ehem. Motorenstr. richtete man sich in Eigeninitiative Holzunterstände ein.

    Zu der unvollendeten Luftschutzanlage würd im Teil 5 der Heftreihe "Ludwigsfelder Geschichte und Geschichten" von Gerhard Birk, folgendes erwähnt: "... Sie bestand aus einem großen zentralen Raum, von dem nach allen Himmelsrichtungen betonierte Gänge nach außen führten. ... Die Sandmassen wurden aus dem Hügel herausgebracht und oben wieder aufgeschüttet,so daß sich über den ausbetonierten Stollen schließlich eine Sandschicht von sechs bis acht Metern befand. ...Die unterirdischen Gänge waren von außen frei zugänglich. Tore und Türen gab es nicht. Um die Druckwellen der detonierenden Bomben abzufangen, waren die Stollen zickzackförmig angelegt worden. ..."

    Die Beschreibungen der Anlage beruhen auf den Schilderungen von Nikolai Shujkow, der als Kriegsgefangener Artillerieoffizier ua. für die Ausschachtarbeiten eingesetzt wurde. Ob die Anlage teils od. im ganzen gesprengt wurde ist unklar. Nach den Beschreibungen zu Folge, kommt dafür allerdings nur ein kl. Waldgebiet in betracht, in dem sich tatsächlich unnatürliche Geländeerhebungen vom Umfeld abheben. Das Ende der Hügelketten ist in etwa zu einzellnen ehem. Hallenstandorten ausgerichtet. Ein befestigter Zuweg endet abrupt vor einem steil aufsteigenden Hang. Über dem zentralen Abschnitt der Anlage( höchster Punkt im Umfeld) befinden sich noch vier Sockel mit Resten von Eisensträben. Gleich dahinter geht es fast im 90 Grad Winkel so einige Meter abwärts zu einer schluchtartigen gekrümmten Zuwegung. Alle Eingänge der insgesammt 5 Zugangsstollen sind nicht mehr genau auszumachen.
    Lediglich an zwei Stellen lässt sich der Stollenanfang ungefähr lokalisieren.

    Fundamente auf dem "Bunkerberg":
    hardihase

  7. #7
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    AW: Flugzeugmotorenwerk Genshagen

    Zu den Begebenheiten um die "Ratsbaracke" konnte ich mir noch einen MAZ-Artikel v. 21.03.97 ausleihen, meinem Nachbar sei gedankt.
    Nur die auf dem Foto im Vordergrund zu sehende Holzbaracke war bis ´93 der letzte erhalten gebliebene Barackenbau vom Lager. Der hintere Bau war mit der Holzbaracke auf der gegenüberliegenden Giebelseite verbunden und gehörte auch zur Stadtverwaltung.
    hardihase

  8. #8
    @ndrew pl
    Gast
    Hi,

    this foto: DSCF2443.JPG looks very similar to a pod for engine in one of Posen forts (Focke Wulf factory).

    MfG
    @ndrew

  9. #9
    Administrator Avatar von Martin K.
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    Anbei einige Impressionen der noch vorhandenen Produktionsgebäude. Unter einer Halle (Bilder 9-10) fielen mir die recht großzügigen Lichtschächte auf. Kann es sich um eine teilgeschützte unterirdische Produktionsetage handeln? Der Handlauf erinnert ja sehr stark an einen Notausgang.

    BG
    Martin
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  10. #10
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    Hallo Martin,
    Vorsicht , nicht alles was aus Backstein ist , stammt aus der Zeit des Daimler-Benz-Werkes .
    Die überwiegende Mehrzahl der Gebäude auf Deinen Bildern sind nach dem Krieg errichtet worden .
    Allerdings ist es denkbar , das gerade die Fundamente der "alten Hallen " hie und da für die Neubauten genutzt wurden.
    Gruß
    Budelflink

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