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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Reportage : Panzer gegen Polen



fire47
30.09.2010, 10:41
Honecker´s Geheimplan gegen Solidarnosz

hat das jemand gesehen .... kam gestern auf ARTE


Viel hätte nicht gefehlt, und es wären - wie damals im September 1939 - wieder deutsche Panzer in Polen eingerückt. Wär's nach dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gegangen, dann wohl sowieso. Schliesslich stand, das hatte der Mann erkannt, ab dem Sommer 1980 und den beginnenden Streiks in Danzig der real existierende Sozialismus auf dem Spiel. Für Honecker galt es, die Entwicklung im Nachbarland mit allen Mitteln aufzuhalten. 10.000 NVA-Soldaten und 400 Panzerfahrzeuge standen bereit zum Sturm. Nur Jaruzelskis Kriegsrecht verhinderte das Schlimmste, wie die nach neuesten Forschungsergebnissen entstandene Dokumentation "Panzer gegen Polen - Honeckers Geheimplan gegen Solidarnosc" beweist.


Henry Köhler ("Hitlers Krieger") rollt mittels zahlreicher Zeugen die Situation von damals recht anschaulich auf. So kommen zunächst Polen-Urlauber aus der DDR zu Wort, die damals im Nachbarland den "freien Geist in den Künsten" mochten. Es gab guten Jazz in Warschau, Zeitungen und Zeitschriften aus dem Westen, freilich keinen Zucker und auch sonst eher wenig zu essen. So erreichte der Einkaufstourismus am Ende gar Berlin, die grenznahen Städte kannten ihn seit Langem.

Als im Sommer 1980 die Arbeitsnormen erhöht wurden, kam es zu ersten Streiks auf der Danziger Leninwerft, die Wirtschaftsreform unter Edward Gierek war gescheitert. "Solidarität", auf polnisch "Solidarnosc", nannte sich die Interessenvertretung der Streikenden, eine politische Bewegung, die bald mehr als eine Gewerkschaft war. Das erkannte man in der DDR sofort, Staatssicherheitsminister Erich Mielke schloss messerscharf: "Wenn nichts geschieht, ist Polen verloren!" Und Honecker selbst predigte in Gera den Genossen: "Das Rad der Geschichte kann niemand zurückdrehen!" Alsbald wurde denn auch ein unsichtbarer Schutzwall gegenüber dem Osten errichtet, aus ehemaligen "Friedensgrenzen" wurden mit Visazwang und Passkontrollen wieder harte Grenzen gemacht.

Und bereits im November 1980 wurde für die NVA die höchste Alarmstufe ("Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr") ausgerufen. "Wintermarsch" war der Tarnname für eine gemeinsame sowjetisch-tschechisch-deutsche Aktion. Flächendeckende Manöver folgten im März 1981. Im DDR-Fernsehen priesen NVA-Soldaten in Aufsagern die Begeisterung, die Willenskraft und den "Elan" der Armee. Das alles täuscht nicht darüber hinweg, dass mit dem Aufmarsch der Niedergang des östlichen Sozialismus begann. Jaruzelskis Kriegsrecht (unter anderem wurde Arbeitsverweigerung mit Desertion gleichgestellt) zögerte den Niedergang hinaus.

Seltsamerweise bekommt ausgerechnet Jaruzelski das letzte Wort. Der umstrittene Ex-Präsident sagt, er hätte sich bei einem Scheitern des verhängten Ausnahmezustands und dem Einmarsch der Sowjets das Leben genommen. Das Paradoxon, dass ausgerechnet der Hardliner einen Einmarsch wie zu Zeiten des Prager Frühlings verhindert hat, macht der Film plausibel - ohne darauf einzugehen, ob es nicht auch einen dritten Weg gegeben hätte.

29.09.2010, 20:15 Uhr, ARTE

Wiederholung: 05.10.2010 10:00 Uhr auf ARTE

mfg
Mario