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Kobold59
15.03.2015, 20:30
Grüß Gott aus Österreich. Ich bin geborener Sachse bis 1986, ab 1986 bis 2002 in NRW, ab 2002 in Österreich.
Warum interessiere ich mich für dieses Forum?
Ich habe mit einigen anderen Mitstreitern einige Jahre ehrenamtlich nach vermissten Personen gesucht. Angefangen hatte das Ganze vornehmlich mit ehemaligen DDR-Bürgern, da wir alle vorbelastet waren. Zwangsadoptionen, Haft etc.
Das Ganze wurde schnell international und wir haben in diesen 6 Jahren über 2000 Menschen gefunden. Dann kam der Zeitpunkt an dem einige von uns emotional an ihre Grenzen gestoßen waren und wir lösten den Verein auf. Eine kleinere Gruppe hat sich danach zusammen getan und ein neues Projekt gestartet, das im weitesten Sinne auch in das Genre der (Personen)Suche hinein gehört.
Ein Verzeichnis über aktuelle und geschlossene Kinderheime und Schulen. Das Verzeichnis zu den Heimen gibt es schon, ebenfalls zu Auslandsschulen.

Bei diesem Projekt sind wir drauf gekommen, das immens viele Straßen umbenannt wurden, verschwunden oder neu dazu gekommen sind.
Und damit stand das nächste Projekt.
Dieses sollte in einigen Wochen fertig sein, wenn da nicht irgendjemandem aufgefallen wäre, das „eigentlich“ die verschwundenen und aufgegeben Dörfer und Städte auch dazu gehören ...

LG Kobold

Büttner
15.03.2015, 20:51
Es geht da also um nicht mehr existierende urbane Lebensräume? Wenn ja, um welchen Zeitraum geht es da eigentlich, DDR-Zeit oder die letzten 25 Jahre?

Kobold59
15.03.2015, 20:55
Ab 1949 bis heute .... Alles andere würde zu weit führen, da es ein Ebook wird. Bei verschwundenen, überbauten und umbenannten Straßen sind wir bei über 17 000 Einträgen. Es gibt natürlich Städte und Gemeinden, die ihre Straßenverzeichnisse nur verkaufen. Auf diese haben wir dann verzichtet. Anfragen bei Stadtverwaltungen und Archiven zu verlassenen Dörfern etc. hat nicht wirklich etwas gebracht.

Kobold59
16.03.2015, 11:24
Eine erste Bestandsaufnahme zu verschwundenen (verlassenen) Dörfern und Gemeinden:
Es existieren heute ca. 500 solcher Orte.
Die Gründe sind vielfältig.
Viele Orte wurden wegen Bergbau, Talsperrenbau und Nutzung als Truppenübungsplatz devastiert (zerstört,geschleift, abgebaggert).
Es gibt auch sehr viele ehemalige DDR-Grenzdörfer die zwangsausgesiedelt und geschleift wurden.
Unter all diesen Orten sind aber auch ca. 100 dabei, die „nur“ verlassen wurden und als Geisterorte weiter existiert haben oder noch existieren. Auch bei den Orten, die zu einem Truppenübungsplatz umfunktioniert wurden, sind einige dabei die zu Häuserkampfübungen genutzt wurden.
Es gibt bzw. gab es auch verlassene Siedlungen wie z.B. in Offenbach-Lohwald oder Hamburg-Neuenfelde.
Wir haben über diese Orte eine Liste erstellt.

Büttner
16.03.2015, 15:54
Was ist denn der Maßstab für so einen Ort, also ich meine ab wievielen Häusern oder ehem. Einwohnern oder bebauter Fläche oder Benennung wurde denn von euch erfasst?

Kobold59
16.03.2015, 16:06
Jeder Ort, der auch solcher erwähnt wurde oder wird und eine PLZ hatte. Also auch Ortsteile, die teilweise abgesiedelt wurden.

Büttner
16.03.2015, 16:45
Mit einzelnen Vorwerken bzw. Gehöften die einen Namen haben? Beispielsweise so wie in Meßtischblättern aufgeführt.

Kobold59
16.03.2015, 16:53
Kenn ich nicht. Was ist das?

Büttner
16.03.2015, 18:20
Wikipedia zu Meßtischblatt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Messtischblatt

Wikipedia zu Vorwerk:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vorwerk_(Gutshof)

Kobold59
16.03.2015, 18:26
Meistens bestehen solche Güter aus mehreren Gebäuden und haben eine eigene Ortsbezeichnung und damit gelten sie als Ort. Wir haben solche Vorwerke, Gutshöfe etc. mit aufgenommen, wenn uns welche „über den Weg gelaufen sind“. :-))

Büttner
16.03.2015, 19:25
Wir haben solche Vorwerke, Gutshöfe etc. mit aufgenommenSehr gut. Dann passt das ja hier auch ganz gut:
Ich habe bei den Recherchen zur Geschichte der sowj. Flugplätze in der DDR mehrere Geländevergrösserungen gefunden aufgrund Start- u. Landebahnverlängerungen in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre denen Höfe, Scheunen, einzeln stehende Wohnhäuser oder auch sogar ganze Straßenzüge zum Opfer fielen. Zum einen um Hindernissfreiheit bei An- und Abflug zu schaffen und zum anderen weil sich der jeweilige Flugplatz in seinen Ausdehnungen vergrösserte. Dahinter verstecken sich natürlich zahlreiche Schicksale und auch persönliche Dramen - womit sich infolge dann auch noch das MfS beschäftigen musste. Entscheidend ist hier das ganz konkret die Ursache (Stationierung eines bestimmten Flugzeugtyps) genannt werden kann für das "verschwundene".
Wir haben hier ein wenig dazu im Forum.
In einem Fall habe ich mit einem Ortschronisten zusammengearbeitet um Details zum damaligen Straßennamen und betroffene Häuser (hier Hausnummern) zu recherchieren. Er wusste vage das da etwas "verloren" ging aber die Ursache dafür war ihm nicht bekannt. Wir haben das dann gemeinsam Stück für Stück zusammengesetzt um abschließend Klarheit zu bekommen und die Flugplatzgeschichte von Ribnitz-Damgarten zu ergänzen. Unschön daran war das ich plötzlich eines Tages den halbfertigen Forschungsstand im Lokalteil der dort erscheinenden Zeitung mehr oder weniger zutreffend nachlesen durfte, was so allerdings weder vorgesehen noch autorisiert war. Zusammenarbeit ist jedenfalls was anderes.

Kobold59
16.03.2015, 19:53
Ok, dann sind wir beim Thema. Vielleicht hat Jemand Antworten für mich die nächsten Fragen. Ich verschiedene Archive, Städte, die Post etc. angeschrieben.
Bei der Mehrheit war sinngemäß der Tenor:
„Alte Straßennamen interessieren normale Menschen nicht und die Unnormalen bekommen zu unserem Archiv keinen Zugang“. Viele andere wiederum, da bekommst du diese Auskünfte, aber nur gegen Bares. Aber die meisten haben nicht das Geringste Interesse daran, das alte Straßennamen überliefert werden.
"Eine spezielle Liste aller Straßenbenennungen und Umbenennungen wird hier nicht geführt“. Ausserdem empfinde ich es als Anmaßung, das man sich quasi als Forscher identifizieren muss um an solche Informationen zu kommen.
Warum ist das so? Als Steuerzahler sollte man doch das Recht auf Auskunft haben. Aber Recht und Steuerzahler sind zwei verschiedene paar Schuhe.

Ich habe versucht Verlage für dieses Thema zu interessieren. Wiederum .... gegen Bares ist alles möglich. Also bleibt im Endeffekt erstmal nur ein Ebook und später der Print. Aber wir finden, das eben diese Namen verbunden mit den dahinter stehenden Schicksalen nicht vergessen werden dürfen.

Dazu zählen auch die Zwangsaussiedlungen aus den Grenzgebieten und der Tagebau etc.
Ja, bei Zusammenarbeit sollte Vertrauen da sein und es sollte vorher genau abgesprochen werden - wer,was, wieso, wo - etc.
Mir ist so etwas ähnliches auch passiert.

Büttner
16.03.2015, 20:26
Hmmm. Liest sich zunächst wie eine Sackgasse. Ich denke man kann sich ja jetzt nicht alle Meßtischblätter besorgen und mit den heutigen Ansichten vergleichen. Aber selbst wenn, dann weiß man erstmal nicht wann es verloren ging und auch nicht den Namen, im Falle von Straßen. Im Fall Berlin war das Internet immer ganz hilfreich gewesen. Aber was dort verfügbar ist das ist vermutlich sowieso schon bekannt.
https://www.google.de/search?q=strassennamen+berlin+alt+neu&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=MDwHVYfHJYvjO7uUgNAM

klausm
17.03.2015, 20:24
Bei uns in Weimar war es für mich kein Problem im Stadtarchiv die Infos zu Straßenumbenennungen, die ja mehrfach erfolgten, zu recherchieren und mir entsprechende Übersichten zu erstellen. Das Ganze hat mich lediglich Zeit gekostet. Wer will kann aber auch ein Buch zum Thema erwerben oder in einer Bibliothek ausleihen:
http://stadt.weimar.de/aktuell/presse/mitteilung/lang/buchvorstellung-weimar-strassennamen/

Bei der FSU Jena findet man öffentlich zugänglich viele alte Adressbücher Thüringens die digitalisiert wurden:
http://zs.thulb.uni-jena.de/servlets/solr/find?qry=adressbuch&fq=journalID%3Ajportal_jpjournal_00000376&journalID=jportal_jpjournal_00000376

Orte die im Zuge des DDR-Grenzsicherung verschwunden sind, findet man jetzt auf den zahlreichen Infotafeln des "grünen Bandes". Mittlerweile gibt es vor Ort auch häufig entsprechende Gedenksteine.
http://www.grenzerinnerungen.de/aktion-ungeziefer

Für ganz Deutschland entsprechende Infos zusammenzutragen ist ein sehr ambitioniertes Projekt.

Es gibt im www einige Projekte die in der Regel aber einen bestimmten Fokus besitzen:
http://www.archiv-verschwundene-orte.de/de/startseite/70224

Bei Wikipedia findet man natürlich auch entsprechende Infos:
http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCstung

Gruß Klaus

Kobold59
22.03.2015, 09:42
Ja es gibt Gemeinden die freuen sich sogar über dieses Interesse und würden solch ein Projekt auch unterstützen.
Aber es gibt auch genug andere. Es ist jedoch „fast“ unmöglich Deutschland-Gesamt-Projekt daraus zu machen.
Wir haben zu zweit zwischen 17 000 und 20 000 Straßen recherchiert. Dazu kommt, das ich in Österreich quasi im Wald hinter den sieben Bergen (kein Witz) wohne.
Ich setze mal hier ein Kapitel unseres Eingangstextes rein. Wenn Jemand meint, dass das grundsätzlich falsch ist oder Hinweise hat, möge sich bitte melden. LG Kobold (OE4YLA)

[QUOTE]Hinweise zu den vorliegenden Daten

In Deutschland gibt es über 1 Million Straßen. Wir haben hier etwa 17 000 – 20 000 umbenannte und neu geschaffene Straßen aufgeführt.
Etwas wenig bei über einer Million Straßen?
Ja, aber es ist unmöglich alle umbenannten Straßen seit 1949 aufzuführen. Es ist nicht nur zeitaufwendig, es würde auch sehr hohe Kosten verursachen.
Aber es gibt noch mehr Gründe:
Um ein so großes Forschungsvorhaben durchzuführen braucht man ein Team von mehreren Mitarbeitern und nicht nur Zwei, wie bei diesem Projekt.
Sie müssen in öffentliche Archive kontaktieren und Dokumente einsehen. Die meisten Archive nehmen dafür Geld und auch nicht unbedingt wenig. Wenn man dann noch hoch rechnet in wie vielen Gemeinden und Städten nach Straßennamen recherchiert werden müsste, werden Sie uns Recht geben, dass es weder finanziellund zeitlich realisierbar ist. Es sei denn die Gemeinden und Städte hätten ebenfalls ein Interesse daran.
Und genau das ist höchstwahrscheinlich nicht der Fall. Weil viele Gemeinden diese Daten gar nicht erst heraus geben oder behaupten das solche Listen nicht geführt werden.
Das kann man glauben, muss man aber nicht. Und das nur Ortschronisten sich um alte Straßennamen bemühen ist auch nicht besonders glaubhaft.
Warum? Ein Beispiel:
Sie suchen ein Familienmitglied, das vor vielen Jahren unbekannt verzogen ist und gehen zumEinwohnermeldeamt.
Das Einwohnermeldeamt (auch oft Bürgeramt oder Bürgerbüro genannt) ist die erste Anlaufstelle für alle Personen, die in eine Gemeinde oder Stadt ziehen bzw. innerhalb davon umziehen. Als Meldebehörde erfasst und speichert das Einwohnermeldeamt alle personenbezogenen Daten im amtlichen Melderegister.
Bei Ihrem zuständigen Einwohnermeldeamt haben Sie dann die Wahl zwischen einer einfachen Melderegisterauskunft und einer Archivsuche.
Wo ist da der Unterschied?
Eine einfache Melderegisterauskünfte die Angaben zu Vor- und Familienname, Titel und gegenwärtige Anschrift enthält, kann jeder Bürger in Deutschland beantragen.
Die meisten Einwohnermeldeämter können auf Einwohnerdaten der letzten 20 Jahre zurückgreifen (außerBerlin/5 Jahre). Sollte der Verzug der gesuchten Person also länger als 20 Jahre zurück liegen müssen Sie eine Archivsuche beantragen.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Melderegisteranfragen ist aber nicht nur die Zeitspanne, es ist auch eine Kostenfrage.
Eine einfache Melderegisterauskunft variiert in den Kommunen zwischen 2,50 € und 15 €. Eine Archivauskunft gibt es ab 20 €. Letztendlich wird der Zeitaufwand berechnet. Die tatsächlichen Kosten können hier auch weitaus höher liegen.
Sie haben jetzt über die Archivsuche die alte Adresse der gesuchten Person erfahren.
Ein paar Tage später stellen Sie jedoch fest, dass es die Adresse bzw. die Straße nicht mehr gibt. Sie gehen wieder zum Einwohnermeldeamt und fragen nach der Straße.
Und hier werden dann die, oben gemachten, Aussagen der Städte und Gemeinden unglaubhaft. Wieso?
Können Sie sich vorstellen, dass die Mitarbeiter des Einwohnermeldeamtes sich hinstellen und sagen:
„Es tut uns sehr leid, aber die alten Straßennamen wissen wir nicht. Die werden bei uns nicht schriftlich festgehalten“?
Sehen Sie, wir auch nicht.
Es liegt also eher die Vermutung nahe, dass Sie auch hier wieder eine Archivsuche veranlassen sollen, die Sie wieder richtig Geld kostet.
Eine Nachfrage bei der Post und ähnlichen Einrichtungen ergab sinngemäß folgende Auskunft:
„Normale Menschen interessieren sich für alte Straßennamen nicht und die unnormalen bekommen keinen Zugang zu unserem Archiv und wenn doch, dann müssen Sie richtig löhnen“.
Auf Grund solcher Erfahrungen haben wirden Entschluss zu diesem Projekt gefasst, ohne vorher zu ahnen, wie schwierig sich dieses Vorhaben tatsächlich gestalten wird.


/QUOTE]

PS: Weimar haben wir nur ein paar ganz wenige Straßen, da das nur vor Ort machbar war.

Aschekater
22.03.2015, 11:36
Irgendwann werden die Kinder in den Schulen , die Fragen der Lehrer auch nur noch gegen Bezahlung beantworten ...